30.09.2008 - Ergänzung 30.9.2008 / Pulstipp, 13.5.04
Kategorie: Generelle Medienberichte

Druckkammern stehen unter Spardruck

Gestrichene Subventionen gefährden die Sicherheit von Tauchern in der Schweiz Thomas Grether / Erschienen im Pulstipp 13.5.2004

Nach einem Tauchunfall drohen Hirnschlag oder Herzstillstand. Oft ist eine Druckkammer die letzte Rettung. Jetzt droht einer Kammer die Schliessung, und der Notfalldienst einer andern wird eingeschränkt

Es war der 15. Januar 2003. Peter Lipp, 51, tauchte im Zürichsee in 50 Metern Tiefe. «Ich fühlte mich gut, alle Geräte funktionierten korrekt», erinnert sich der Tauchlehrer. Er gab seinem Kollegen das Zeichen zum Aufstieg. Fünf Meter unter der Wasseroberfläche machten sie nochmals Halt. Noch immer schien alles in bester Ordnung.

Plötzlich hatte Lipp in seinen Händen kein Gefühl mehr. «Sie waren wie gelähmt.» Lipp versuchte, seinem Kollegen mit den Augen ein Zeichen zu geben. Als dieser nicht sofort verstand, tauchte Lipp mit ein paar kräftigen Flossenschlägen auf. «Ich bin gelähmt», konnte er oben seinem Partner noch zurufen. Dann verlor er das Bewusstsein.

Sein Kollege, ebenfalls Tauchlehrer, brachte ihn an Land und alarmierte sofort die Rettungsflugwacht. Diese flog ihn nach Basel in eine von fünf Schweizer Dekompressionskammern. Diese Kammern erzeugen künstlich einen Druck, wie er unter Wasser herrscht. Der Überdruck baut gefährliche Blasen ab, die sich bei Tauchern im Blut bilden können und die fatale Folgen haben: Es drohen Lähmung, Hirnschlag oder Herzstillstand. Allein letztes Jahr starben in der Schweiz zwölf Taucher. Wie sich herausstellte, hatte sich bei Peter Lipp eine solche Blase am Rückenmark gebildet. Lipp blieb vom Brustbein an abwärts gelähmt. Doch die Kammer rettete sein Leben.

Die Kammer dient auch Tunnel-Bauarbeitern

Im Notfall zählen in der Schweiz Tausende von Tauchern auf eine Dekompressionskammer. Doch jetzt soll die Verfügbarkeit der Kammern drastisch eingeschränkt werden. Der Grund: Die SUVA streicht Subventionen von jährlich 100000 Franken. Der Kammer im Zürcher Universitätsspital droht deshalb die unmittelbare Schliessung, wie Tauchmediziner Jörg Schmutz erklärt. Er hatte die Kammer 1999 vom Zürcher Unispital übernommen und seither neben seiner eigenen Kammer in Basel betrieben.

Die Zürcher Kammer hat Weltruf: Sie wurde in den 60er- Jahren mit Geldern des ÷lmultis Shell installiert. Die Firma begann damals, in den Weltmeeren nach ÷l zu bohren. Im Auftrag von Shell erforschten Schweizer Wissenschaftler in Zürich das Tauchen in grosser Tiefe und entwickelten Messgeräte, die heute weltweit von Hobby- Tauchern verwendet werden. Die SUVA wiederum finanzierte die Kammer seit 1999, um Bauarbeiter, die Tunnels für die Bahn 2000 bohrten, sofort behandeln zu können. In den Röhren kann es - wie unter Wasser - zu Überdruck kommen.

Basler Druckkammer: Kein 24-Stunden-Pikett mehr

Die Suva sagt, sie habe nach Partnern gesucht, um die Zürcher Kammer zu retten. SUVA-Sprecher Erich Wiederkehr: «Wir haben niemanden gefunden, der sich finanziell beteiligt.» Die Sicherheit sei jedoch weiterhin gewährleistet. «Es stehen Kammern in Genf, Lausanne und Basel zur Verfügung.»

Dem widerspricht Peter Nussberger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Unterwasser- und Hyperbarmedizin: «Es tut sich eine Sicherheitslücke auf» sagt Nussberger, der als Chefarzt im Spital Riehen BS arbeitet. «Bei der Behandlung ist die Zeit entscheidend - je schneller ein Taucher in der Kammer ist, desto besser.» In Zukunft müssten Verunfallte vermehrt weit transportiert werden.

Verschärfend kommt hinzu, dass in Basel, wo die meisten Notfälle behandelt werden, ab sofort kein 24-Stunden- Pikendienst mehr besteht. «Wir haben den Betrieb jahrelang mit viel Goodwill aufrechterhalten, standen Tag und Nacht und oft sogar in unseren Ferien zur Verfügung. Das ist leider nicht mehr möglich», sagt der Tauchmediziner Jörg Schmutz, der hauptberuflich als Allgemeinmediziner arbeitet.

Somit bleibt noch die Kammer im Lausanner Unispital: Sie ist sanierungsbedürftig und ebenfalls nicht rund um die Uhr verfügbar. Die Kammer in der Privatklinik Siloah in Gümligen BE baut für Notfälle nicht ausreichend Druck auf. Letztlich bietet nur noch Genf einen 24-Stunden-Pikettdienst an.

Diese Situation sei «unbefriedigend», sagt auch Jürg Wendling. Der Tauchmediziner ist Direktor des Divers Alert Network. Die 1980 gegründete Organisation unterhält in Europa ein Nerz von Notrufzentren, die 24 Stunden täglich besetzt sind. Verunfallt ein Taucher, organisiert sie zusammen mit der Rettungsflugwacht die Rettung. Laut Direktor Wendling muss das Finanzierungsproblem der Kammern gelöst werden. «Es ist höchste Zeit, dass sich Tauchorganisationen und Versicherer an einen Tisch setzen und Lösungen suchen.»

Ergänzung der FTU

Die FTU ist daran, die Situation in der Schweiz abzuklären. Stand 31.1.06

Vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois wird informiert http://www.ftu.ch/de/globalDownload/FTU_Hyperbare_08.pdf #(PDF-File, ca. 123 kB, in Französisch)#, dass ab 1. Januar 2009 in der französischen Schweiz nur noch die Druckkammer in Genf für Tauchunfälle betrieben wird. Stand 30.9.2008

 

 

Letzte Medienberichte

Die letzten von der FTU registrierten Medienberichte zum Thema Tauchen:

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Warum nicht mehr Informationen?

Die FTU wird immer wieder mit der Frage konfrontiert, wieso sie nicht mehr Details von Tauchunfällen publizieren. Auch wirft man ihr vor, sie würde "aus Bequemlichkeit" hinter dem Datenschutz verstecken und "auf den Informationen hocken".

Leider sind der Datenschutz, aber noch vielmehr das Amtsgeheimnis und das Arztgeheimnis die grossen Hindernisse, die kaum zu überwinden sind. Zudem hat die FTU als Verein des privaten Rechts keinerlei Recht auf Einsicht in behördliche Akten (Polizei, Gerichte, Gutachter etc.) und wird auch nicht von Behörden über Tauchunfälle informiert. Die Lösung dieses Problems funktioniert nur über die Entbindung von den verschiedenen Geheimnissen durch den Betroffenen bzw. bei einem Toten durch dessen Verwandten - sofern überhaupt möglich.

Aus diesem Grund können wir gemeinsam nur eines tun: Alle Taucher aufrufen, dass sie nach einem Tauchunfall den Hergang mit allen Details der FTU melden und diese gleichzeitig ermächtigen, den Sachverhalt in geeigneter Form zu publizieren.


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