08.12.2004 - Taucher Revue Nr. 118, Verfasser Martin Böni, Peter Senn
Kategorie: Generelle Medienberichte

Innenohrprobleme beim Tauchen

Die feinen anatomischen Strukturen des Mittel- und Innenohrs reagieren sehr sensibel auf grosse physikalische Einwirkungen - wie sie beim Tauchen auftreten.

Medizinische Probleme beim Tauchen treten häufig im Hals-Nasen-Ohren Bereich auf. Diese sind glücklicherweise meist harmloser Natur, doch kommt es immer wieder zu schwerwiegenden Ereignissen.

Zwischenfälle, die sich im Mittel- und Innenohrbereich abspielen, können nicht immer auf eine eindeutige Ursache zurückgeführt werden. Dass es sich aber meistens um schwere Krankheitsbilder handelt, soll anhand eines Tauchzwischenfalls auf die verschiedenen Aspekte des Barotraumas, respektive eines DCI («akute Dekompressionserkrankung») des Innenohrs eingegangen werden.

Der Unfall

Ein routinierter Taucher führte in einem See im schweizerischen Mittelland anfangs Januar 2004 einen Tauchgang auf 46,2 m durch (Anmerkung der Redaktion: Empfohlene Tauchtiefe 30 m, absolute Tauchtiefe 40 m. Tiefer ist unvernünftig und gilt als Wagnis. www.suva.ch). Die bottom time betrug knapp 10 Minuten. Während dem Abstieg traten keinerlei Druckausgleichprobleme auf. Der Aufstieg von der grössten Tiefe bis zur Wasseroberfläche dauerte 15 Minuten in verschiedenen Stufen. Ein Sicherheitshalt von 3 Minuten auf 3 m wurde eingehalten. Ca. 3/4 Stunden nach Erreichen der Wasseroberfläche, beim Ausziehen des Trockentauchanzugs, verspürte er einen Druck auf beide Ohren und gleichzeitig eine Gehörsabnahme rechts. Direkt nachher traten massive Drehschwindel mit Erbrechen auf. Der Tauchbegleiter verabreichte sofort reinen Sauerstoff und veranlasste eine notfallmässige Überweisung in das nahegelegene Universitätsspital. Während dem Transport ins Spital verspürte der Patient ein Rauschen im rechten Ohr und eine weitere Gehörsabnahme.

Der bekannte Griff an die Nase zm Druckausgleich - enorme Kräfte wirken beim Tauchen auf Mittel- und Innenohr. Foto: Peter Senn

Die Untersuchung

Bei der Untersuchung auf der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung wurde lediglich noch ein Hörrest rechts festgestellt sowie ein Ausfall des rechten Schwindelorgans. Das rechte Trommelfell war vorgewölbt, aber intakt. Aufgrund dieser dramatischen Befunde erfolgte noch in der gleichen Nacht eine Operation des rechten Mittelohres: Wegen Verdachts auf Flüssigkeitsaustritt aus dem Innenohr wurde diese undichte Stelle mit körpereigenem Fett und Bindegewebe versiegelt. Am nächsten Tag verspürte der Patient deutlich weniger Schwindel, und die Hörstörung erholte sich langsam.

Weil nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden konnte, dass auch Mikroembolien im Innenohr für einen Teil des Krankheitsbildes mitverantwortlich sein könnten, wurde bereits ein Tag später eine hyperbare Sauerstofftherapie durchgeführt.

Horizontaler Schnitt, computertomographische Aufnahme. 1 Schnecke (Hörorgan), 2 Bogengang (Gleichgewicht), 3 Gehörknöchelchenkette im Mittelohr - leitet direkt Druck auf ovales Fesnter, 6 Tube - Verbindung zur Nase. Foto: M. Senn, Klinik St. Anna LU

Diagnosen

Dem Patienten ging es zusehends besser. Das Gehör erholte sich praktisch vollständig, und die Schwindel verschwanden in den folgenden Tagen und Wochen. Ebenfalls das Rauschen am rechten Ohr.

Mit Sicherheit erlitt der Taucher ein Innenohrtrauma rechts. In Frage dafür kommt entweder ein Barotrauma des Mittelohres mit nachfolgender Schädigung des Innenohres oder eine akute Dekompressionserkrankung aufgrund von Mikroblasen im Innenohr, die eine Schädigung des Gehörs und des Schwindelorgans bewirkten.

Unfallmechanismen

A: Barotrauma des Mittelohres mit Innenohrbeteiligung

Der Druckausgleich ist eine Voraussetzung für jeden Tauchgang und muss wegen dem zunehmenden Wasserdruck kontinuierlich durchgeführt werden. Wenn der Druckausgleich rechts und links nicht genau zum gleichen Zeitpunkt erfolgt, kann es zu «Reizzuständen» des Innenohrs kommen. Dies führt zu leichten Schwindelbeschwerden die als «alternobarer Schwindel» bezeichnete werden. Dieser tritt bei 20 - 30 % aller Taucher auf und ist harmlos. Er verschwindet spontan nach Erreichen des Wasseroberfläche.

Kann allerdings der Druckausgleich im Mittelohr nur unvollständig ausgeführt werden, entsteht ein Über- oder Unterdruck, der sich auf das Innenohr überträgt. Wird dieser Druck zu gross, kann es zum Einreissen des runden, oder - in seltenen Fällen - des ovalen Fensters kommen. Sobald Innenohrflüssigkeit durch diese Perforationsstellen austritt, verspürt der Patient in der Regel massive Drehschwindel und eine Höreinbusse.

Dass diese extrem zarten und anfälligen anatomischen Strukturen im Mittel- und Innenohr nicht nur beim Tauchen geschädigt werden können, zeigt auch die Tatsache, dass allein schon durch ein forciertes Valsalvamanöver an der Wasseroberfläche oder Niesattacken, Schwindel und Hörstörungen entstehen können!

B: Dekompressionskrankeit des Innenohrs

In den 60-er Jahren machte man im Dekompressions-Labor von Zürich unter der Leitung von Prof. Bühlmann die Erfahrung, dass bei Tieftauchgängen Schwindel, Übelkeit mit Erbrechen, Hörverlust und Ohrgeräusche auftreten können. Diese Symptome traten nur bei langen und tiefen Tauchgängen auf. Es muss deshalb angenommen werden, dass das Gewebe des Innenohres ein «langsam sättigendes Gewebe» ist. Die Dekompressions-Krankheit des Innenohres tritt deshalb praktisch nur bei Berufstauchern (Mischgastauchern) oder bei Notaufstiegen von Sporttauchern auf.

Behandlungen von Innenohrschädigungen beim Tauchen

Treten nach einem Tauchgang Innenohrprobleme wie Hörverlust, Ohrrauschen oder Schwindel auf, soll auf alle Fälle reiner Sauerstoff geatmet werden. Dies führt zu einer Anreicherung des Sauerstoffgehaltes im arteriellen Blut. Geschädigtes Gewebe wird damit maximal mit Sauerstoff versorgt. Diese Behandlung von reinem Sauerstoff an der Wasserorberfläche ist die wichtigste Therapie überhaupt. Eine hyperbare Sauerstoffbehandlung in einer Druckkammer verbessert zusätzlich die O2-Versorgung von geschädigtem Gewebe. Allerdings soll die Indikation für eine hyperbare Druckkammer-Behandlung vorsichtig gestellt werden, damit im Falle eines Barotraumas nicht eine zusätzliche Druckschädigung entsteht.

Wie erwähnt, tritt die klassische Innenohrdekompressionskrankheit nur bei Tieftauchgängen oder bei Notaufstiegen auf. Kann mit grosser Sicherheit ein Innenohrbarotrauma angenommen werden, ist ein operatives Vorgehen dann angezeigt, wenn sich eine Hörstörung oder Ohrensausen nicht innert kurzer Zeit spontan bessern. In leichteren Fällen oder bei unvollständiger Erholung kommt auch eine medikamentöse Therapie zur Verbesserung der Zirkulation im Innenohr in Frage.

Fazit

Beim beschriebenen Tauchzwischenfall kam es zu einer Schädigung des Innenohres, die sich glücklicherweise - unter einer entsprechenden Therapie - praktisch vollständig erholte. Was die Ursache dafür war, kann nicht mit letzter Sicherheit beantwortet werden. Der Taucher führte einen normalen Tauchgang mit Pressluft durch, er hielt sich an die Dekompressionsvorschriften und bemerkte während dem ganzen Tauchgang keinerlei Anzeichen eines Zwischenfalls wie Druckausgleichprobleme oder Schwindel. Eine Dekompressionskrankheit des Innenohres kommt somit kaum in Frage. Auch für ein Barotrauma des Mittel- respektive Innenohres bestehen eigentlich keine direkten Anhaltspunkte. Die Symptome traten erst 45 Minuten nach dem Tauchgang beim Ausziehen des Trockentauchanzuges auf. Dabei verspürte der Taucher einen starken Druck auf den Ohren und gleich darauf eine Gehörseinbusse rechts. Das bedeutet, auch diese Tätigkeit muss bei der Suche nach dem Unfallmechanismus diskutiert werden. Die Kopfhaube liegt sehr eng an, beim Ausziehen hat sich möglicherweise kurzzeitig ein starker Unterdruck im äusseren Gehörgang rechts aufgebaut, der zu einer Trommelfellvorwölbung führte. Dieser Unterdruck wurde über das Mittelohr auf das Innenohr übertragen, und es kam dadurch zu einem Einreissen der Membran des runden Fensters.

Die rasch durchgeführte Behandlung mittels Operation zum Verschluss der undichten Stelle sowie die anschliessende Überdruckbehandlung zur Vermeidung einer weiteren Gewebsschädigung bewirkte eine praktisch vollständige Heilung. Durch das korrekte und rasche Handeln konnte eine grössere Schädigung vermieden werden.

Bemerkung: Die Tauchtauglichkeit war in diesem Fall nach vollständiger Heilung 3 Monate nach dem Zwischenfall wieder gegeben.

 

 

Letzte Medienberichte

Die letzten von der FTU registrierten Medienberichte zum Thema Tauchen:

Die von der FTU gesammelten Medienberichte sind in folgenden Themenkreisen gruppiert:


Warum nicht mehr Informationen?

Die FTU wird immer wieder mit der Frage konfrontiert, wieso sie nicht mehr Details von Tauchunfällen publizieren. Auch wirft man ihr vor, sie würde "aus Bequemlichkeit" hinter dem Datenschutz verstecken und "auf den Informationen hocken".

Leider sind der Datenschutz, aber noch vielmehr das Amtsgeheimnis und das Arztgeheimnis die grossen Hindernisse, die kaum zu überwinden sind. Zudem hat die FTU als Verein des privaten Rechts keinerlei Recht auf Einsicht in behördliche Akten (Polizei, Gerichte, Gutachter etc.) und wird auch nicht von Behörden über Tauchunfälle informiert. Die Lösung dieses Problems funktioniert nur über die Entbindung von den verschiedenen Geheimnissen durch den Betroffenen bzw. bei einem Toten durch dessen Verwandten - sofern überhaupt möglich.

Aus diesem Grund können wir gemeinsam nur eines tun: Alle Taucher aufrufen, dass sie nach einem Tauchunfall den Hergang mit allen Details der FTU melden und diese gleichzeitig ermächtigen, den Sachverhalt in geeigneter Form zu publizieren.


Wichtige Links

Die wichtigsten Informationen mit einem Klick: